Weltformel und World Wide Web: Meine Tage am CERN in Genf

Ich hatte vor kurzem die außerordentliche Freude und die große Ehre, zu einer Delegation in die Europäische Organisation für Kernforschung, dem legedären CERN in Genf, eingeladen worden zu sein. Der Aufenthalt hat mich berührt und bewegt, auf viele Weisen.

Das CERN ist die Wiege des World Wide Web, 1989 hat hier der Brite Tim Berners-Lee das nicht minder legendäre Hypertextprotokoll geschrieben und damit das Internet, wie wir es heute kennen, erfunden. Das war für mich natürlich der ursprüngliche Anlass für die Reise – aber es ist viel mehr geworden.
Das CERN ist eine Großforschungseinrichtung, in der 25 europäische Mitgliedsstaaten gemeinsam physkalische Grundlagenforschung betreiben und Elementarteilchen beforschen (ja, auch den Urknall!). Am CERN ist der leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb. Drei Nobelpreise wurden für die hier erfolgten Forschungen vergeben (1984, 1992 und zuletzt 2012 für die Entdeckung/Vorhersage des Higgs Boson).
Das CERN ist Wirkungsstätte vieler Hunderter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen und Nationen, die an der Zukunft und der Vergangenheit zugleich forschen.
Die Delegation wurde von dem Vize-Präsidenten des CERN-Rats, Klaus Desch, geleitet. Er ist Professor für experimentelle Teilchenphysik und ihm und seiner Anwesenheit hatten wir es zu verdanken, dass wir über zwei Tage die wohl denkbar intensivsten und inspirierendesten Führungen bekommen haben. Danke dafür! Außerdem bot die Reise einen willkommenen Anlass, meine ehemalige Präsidiums-Kollegin Mirjam Stegherr (aus meiner Zeit als Aufsichtsrat von Wikimedia Deutschland) zu besuchen, die (magic happens) in Genf lebt.

Es gäbe also viele Geschichten, die ich über meine Tage am CERN erzählen könnte, aus so unterschiedlichen Perspektiven. Welche davon wäre zu erzählen? Welche könnte ich übers Herz bringen zu verwerfen? Ich erzähle Euch meine Zeit am CERN nicht als eine einzelne Geschichte, sondern lieber als einen bunten Strauß, als Foto-Essay und als Kaleidoskop von Gedanken und Eindrücken. Die Leitfrage zur Selbstbeobachtung lautet: Wie geht eine Digitalphilosophin durch eine Kernforschunsgeinrichtung? Was fällt ihrem nach Sinn suchenden Hirn auf?

Beginnen wir von vorne: mit der Anreise durch den Nebel…

…und mit dem Bild, wie sich der Nebel auf Höhe von Lausanne über dem Genfer See hebt.

Angekommen.

Links: Das CERN Science Gateway Building, erbaut von Renzo Piano (von außen)
Mitte: Blick aus dem Ausstellungs-Gebäude (von innen)
Rechts: Das Logo des CERN auf dem „Globe of Science and Innovation“ Kugelgebäude

Sich überlagernde Kreise, Strahlen und Röhenquerschnitte auf allen Ebenen.

Hier ist es: Das Synchrozyklotron, der erste Teilchenbeschleuniger des CERN, in Betrieb von 1957 bis 1990. Als Gastgeberin des Erzähl-Salons „Von Menschen und Maschinen“ war ich natürlich begeistert: Das ist wirklich eine richtige Maschine! Ich habe im Zug geübt, das Wort auszusprechen und es kam mir in der Schweiz dann so flüssig über die Lippen, als wäre das mein täglicher Wortschatz.
Synchro-zyklo-tron. Synchro-zyklo-tron. Synchro-zyklo-tron.
Es ist ein wirklich schönes Wort.

Auf dem Gelände: Fabriken mit für eine Geisteswissenschaftlerin kryptischen Beschriftungen und Bezeichnungen.

Und dann ein Besuch in der Antimatter Factory. Ja, richtig. Da steht es genau so: Das ist eine Antimaterie-Fabrik. Es gibt eine Fabrik, die Antimaterie herstellt. Mein Gehirn hört die Erklärungen und versucht fieberhaft, sich einen Reim auf diese rätselhaften Worte und Aussagen zu machen. Es gibt Antimaterie. Alle elementaren Prozesse sind umkehrbar („Ist denn dann der Urknall auch umkehrbar?“, fragen drei Nervenzellen aus der hinteren linken Ecke meines Gehirns). Es gibt Beschleuniger und Entschleuniger. Helden und Antihelden. Christen und Antichristen. Antimaterie. Antimaterie. Es bleibt mir ein Rätsel.

Der Wissenschaftler, der uns durch die Fabrik führt, beruhigt uns nach einer Stunde der Erläuterungen: „But I can tell you: the universe is still in balance.“ Das ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Könnte denn das Universum in imbalance sein…?
Ich schaue ihn an. Er lächelt. War es ein Scherz? War es Ernst? Nicht einmal das kann ich hier in der Antimaterie-Fabrik entschlüsseln.

Wochen später sehe ist dasselbe Antimatter Logo in der Presse auf einem LKW: Es ist dem CERN weltweit zum ersten Mal gelungen, die mir rätselhafte Antimaterie in einem Lastwagen zu transportieren.
https://home.cern/science/cern/antimatter-transportation-media-kit
https://www.tagesschau.de/ausland/antimaterie-transport-lkw-100.html

Das macht es zwar konkreter (immerhin: was transportabel ist, muss ja existieren). Aber trotzdem, die Antimaterie bleibt für mich ein Rätsel. Ein transportierbares Rätsel.

Ich mag diese überraschende Mischung aus unsichtbarer Teilchen-Physik und haptisch-greifbarer Mechanik. Mein Gehirn sucht nach Vertrautem und bleibt hängen an: Alufolie, Gartenschlauch, Steckern, Handschrift.

Dann ab in den Fahrstuhl, runter zum ATLAS-Experiment. 100 Meter unter der Erde.
Ich versuche zu verstehen, die Teilchen, das Higgs-Boson, die Myon-Kammern, die Datenmengen, diese riesigen Gerätebauteile, wie sie durch Schächte in diese Tiefe manovriert werden, ohne zu verkanten.

Was mich am meisten fasziniert: Wie funktioniert das, wenn Hunderte von Forschenden an so einem riesigen und komplexen Projekt zusammenarbeiten? Über hundert Institute aus 25 Ländern, alle möglichen Fachdisziplinen: Und hier unten passt wie von Zauberhand alles zusammen und ergibt Sinn. Diese bottom up Wissenschafts Governance beeindruckt mich.

„Wir suchen in diesen riesige Datenmengen natürlich nach etwas, was wir mit unserem Standard-Modell nicht erklären können“, sagt der Forscher. Denn was man nicht erklären kann, das wäre eine Entdeckung. „Leider haben alle unsere bisherigen Voraussagen gestimmt“, sagte der Wissenschaftler bedauernd.
Ist das nicht schön? Wir suchen das, was wir mit unsere bisherigen Erklärungen noch nicht erklären können. Das erscheint mir für meinen Fachbereich, die gesellschaftliche Transformation, auch eine gute Richtschnur zu sein: Nicht am Alten kleben und nur suchen, was das Alte bestätigt. Sondern mutig den Blick auf das richten, was wir uns noch nicht erklären können. Neue Reime finden auf Neues. Statt die Welt nach den alten Reimen auszurichten.

Hier ist es, das sogenannte „Standardmodell“. Es ist keine Weltformel, es erklärt nicht alles. „It sums up our current understanding“. Das Wissen als current understanding. The best is yet to come.

Apropos unter der Erde und Zukunft: Jules Verne lässt grüßen. Draußen auf dem Gelände sind diese retrofuturischen Schätze zu bewundern.

In der Kantine des CERN der Beweis: Teilchen sind doch teilbar!

Und hier ist es: „The birthplace of the Web“. Das Büro, in dem der britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee am CERN 1989 das Hypertextprotokoll des World Wide Web geschrieben hat, um weltweit mit anderen Forschungseinrichtungen schneller Informationen teilen und austauschen zu können. Er hat das World Wide Web erfunden, hier in diesem Büro. Das http und www, die wir bis heute vor jede Internetadresse setzen.
Ja, meine Damen und Herren, das World Wide Web ist eine zutiefst Europäische Erfindung. Ausgedacht und umgesetzt von einem Briten, an einer Europäischen Forschungsstätte, die auf Schweizerischem und Französischem Boden steht. Das sollten wir uns in diesen Zeiten nachdrücklich in Erinnerung rufen.

Der erste Server steht inzwischen natürlich nicht mehr im Büro, sondern im Ausstellungsbereich. Hier ist er:

„This machine is a server / DO NOT POWER IT DOWN!!“

Ich kenne diese Maschine. Ein Foto dieses ersten Servers verwende ich seit über 10 Jahren in meinen Keynotes und Workshops. Und jetzt stehe ich direkt davor. Es ist ein bisschen wie einen alten Bekannten zu treffen.

1993 stellte das CERN die World-Wide-Web-Software als Public Domain zur Verfügung und veröffentlichte später eine Version unter einer offenen Lizenz. Damit ist das World Wide Web der wohl verbreitetste Anwendungsfall von Open-Source-Software: „CERN relinquishes all intellectual
property rights to this code
[…] and permission is given to anyone to use, duplicate, modify and distribute it“ „CERN gibt alle geistigen Eigentumsrechte an diesem Code ab […] und es wird jedem gestattet, ihn zu verwenden, zu vervielfältigen, zu modifizieren und zu verteilen“.

„Das Internet ist ein Geschenk“, so habe ich es in einem Interview mit der ZEIT genannt.

Es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie viel Geld sich mit dieser Erfindung hätte verdienen lassen. Hätten die Verantwortlichen am CERN damals anders entschieden, gäbe es das World Wide Web nicht, in dem sich alle Rechner mit allen Rechnern der Welt verbinden und Informationen austauschen können.

Die Monetarisierung dieses Geschenkes hat inzwischen zu einem öffentlichen digitalen Raum geführt, der in vielen Teilen das Gegenteil dessen ist, was dort unten vor über 30 Jahren in dem CERN-Büro gedacht war. Unfrei, eingehegt durch Zäune und Wände, getrieben durch Monetariserung-Logiken und intransparente Algorithmen.

Da ist noch viel gesellschaftliche Aufklärungsarbeit zu leisten, damit die Menschen und Internetnutzer den Unterschied verstehen: Auf der einen Seite proprietäre digitale Dienste der großen Tech-Konzerne wie Google, Youtube, Instagram, Facebook, WhatsApp, die zwar kostenlos angeboten werden, wo die Nutzenden und ihre Daten aber das Produkt sind, das zu Geschäftszwecken verkauft wird und in dem einzelne CEOs nach Gutdünken Schalten und Walten können, wie sie es grade wollen. Und auf der anderen Seite quelloffene und gemeinwohlorientierte Open Source Projekte wie das www und Wikipedia, die ihre Nutzenden nicht monetarisieren, sie nicht mit allen Methoden auf ihren Websiten halten wollen, um ihre Daten zu sammeln und untereinander weiterzuverkaufen.
Auch Tim Berners-Lee selbst sieht viele dieser aktuellen Entwicklungen kritisch .“After writing a lot about how the Web works, it is not unreasonable to write about how it is not working“, schreibt er 2024 in einem Beitrag mit dem Titel „The Dysfunction of Social Networks„. Darin adressiert er „harm to society, the mental health of children and teens“ , „the rise of hatred, polarization of opinion“ und spricht von Gefahren für die Demokratie.

Es ist, so denke ich, eine der wichtigsten und brisantesen Aufgaben, die uns nun bevorstehen: Das Internet, unseren digitalen öffentlichen Raum, wieder zu einem verantwortlichen, respektvollen Ort des Austausches zum Wohle der Menschheit zu machen.

Und könnte nicht eine Europäische Forschungseinrichtung wie das CERN ein gutes Modell sein – für transnationale Kooperation, das gemeinsame Angehen von Herausforderungen und das Lösen von Problemen? Für das Erforschen von ersten und letzten Fragen? Für das respektvolle Aushandeln von Interessen und Vorgehensweisen und für eine europäische gemeinsame Ausrichtung auf Verantwortung? Für klug strukturierte heterogen-diverse Multi-Stakeholder Governance im Dienste der Menschen? Das alles wünsche ich mir auch für den digitalen Raum. Dass wir das Internet wieder zu einem guten Ort für uns alle machen können, so wie es damals gedacht war.

Möge das CERN uns noch lange erhalten bleiben. Wir haben wir das Internet als Baustelle, auch die Sache mit dem Urknall (oder wie die französische Tonspur in der Urknall-Ausstellung sagte: „Le Big Bang“) ist noch nicht abschließend geklärt. Es gibt also noch immer viel zu tun!

Und die Liste ungelöster Problemen der Physik ist noch lang: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ungel%C3%B6ster_Probleme_der_Physik

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg, aber ich blieb am See.

Fotos: Sabria David


Weitersagen: